1.
Begehung des Südwest- und des Wettersteinerweges
am Großen Halben
von Herbert König
...
Nach raschem Frühstück
begaben wir uns am anderen Morgen an unser Kletterziel, wo wir mit drei
Klubkameraden zusammentrafen, die den Frühzug benutzt hatten. Wir packten
den Felsen an. Der linke Riss sollte heute versucht werden. Also waren
Karl Ullrich und ich an der Reihen. 8 m über dem Begangsteig zieht ein
breites, überwölbtes Band durch die ganze Südwand, dort beginnen stark
überhängen d die beiden Risse. Von mir unterstützt kam Karl gut in den
Riß hinein und stieg auch flott vorwärts. Doch nach einigen Metern wurde
die Sache ungemütlicher; glatt und überhängend drängte es ihn stark
nach außen. Nach langem Zögern entschloß sich Karl hier einen Ring zu
schlagen. Weit links in der Wand keilte er einen kleinen Ringhaken ins
Gestein. Ich kam bis dorthin nach; das nun folgende Stück war eigentlich
leichter als wir als wir erst gedacht hatten. Immerhin sind die
Schwierigkeiten noch ziemlich groß und unser Ring war durchaus nicht überflüssig.
Karl war jetzt kurz vor dem Ende des Risses. Noch ungefähr 2 m zog er eng
und stark überhängend hinauf. Unmöglich zu durchsteigen. wir mußten
versuchen nach links zu einem Kamine zu gelangen. Um eine Sicherungsmöglichkeit
zu schaffen, wurde ein zweiter Ring geschlagen, was in dem außerordentlich
harten Gestein eine sehr langwierige Arbeit war. Das Wetter hatte sich
auch zu seinen Ungunsten verändert, der Tag hielt nicht, was der Morgen
versprochen. Ein feiner Regen sprühte herab und erschwerte unsere Arbeit.
Ein Vorsichtiger riet schon zum Aufgeben des Versuchs. Wir zwei wollten
davon nichts wissen. Karl hatte nun seinen Ring verkeilt und holte mich
nach. Vertrauenerweckend sah das kommende Stück nicht aus. Mein Gefährte
murmelte sogar etwas von Abseilring. Ich war aber frohen Mutes, seilte
mich ein uns gut gesichert schaute ich mir die Sache aus der Nähe an.
Links schwach aufsteigend konnte ich ein Band mit guten Griffen erreichen.
Nur sehr brüchig war auf einmal der Fels geworden. Noch 2 m und ich
konnte den Kamin erreichen. Aber glatt schwarz und grifflos sah das
Zwischenstück aus. Immerhin, versucht mußte es werden. Ganz langsam und
vorsichtig stützte ich mich durch und konnte gerade einen Griff am Ende
des Kamins erlangen. Bald war es geschafft. Der weitere Weg schien uns nun
sicher zu sein. Nach einem kleinen Kaminstück folgte ein kurzer überhängender
Riß. Dann querte ich in schöner mittelschwerer Wandkletterei abermals
nach inks und erreichte die Westkante und über diese in wenigen Metern
den Gipfel. Das Schlußstück ist sehr lohnend und nicht schwer. Jubelnd
verklang mein Heilruf, den Kameraden unseren Erfolg verkündend.
...
Wieder
am Halben! Wird uns auch diesmal der Erfolg beschieden sei, oder werden
wir abends geschlagen heimwärts wandern? Schon nach kurzer Zeit standen
wir unter dem großen Überhang, mit dem auch dieser Riß beginnt.
Keuchend arbeitete sich der Erste darüber hinweg. Der Überhang ist gar
nicht allzu schwer, es gehört nur ein bißchen Schneid dazu. Nun folgten
einige Meter gut gangbarer Riß, doch bald wurde es sehr eng und glatt.
Unser Führer entschloß sich hier einen Ring zu schlagen und Karl
nachzuholen. Bald wurde die sonntägliche Stille durch unsere Hammerschläge
unterbrochen. Unterstützt ging nun der Führer weiter, bis ein großer Überhang
den Riß unterbrach. Jetzt kam die Entscheidung. Einige Meter über diesem
Überhang versperrte ein zweiter, noch größerer unseren Weg. Diese
beiden Hindernisse sahen sehr bedenklich aus. Namentlich den Schlußüberhang
war uns noch ein großes Fragezeichen. Abermals mußte ein Ring geschlagen
werden. Wir stiegen alle beide zum Ring nach. Karl unterstützte während
ich die Sicherung übernahm. Höchstens 8 m trennten uns noch von dem
Gipfel, tief lag schon die Wand unter uns. Unser Führer steig an. Ein kräftiger
Klimmzug, ein paar mal durchgezogen und aufatmend stand er unter dem
letzten überhange. Bis hier her ging es ganz gut doch weiter hin sah der
Fels doch zu abweisend aus, weit drängt er sich vor, als wollte er jeden
Angriff vereiteln. Der Erste gab nach einem mißglückten Versuch die Führung
auf. Unser erprobter Karl Ullrich ging nun voran, er wollte sein Heil
versuchen. Auch ich erklärte mich zu guter letzt bereit einen Versuch zu
machen. Von uns unterstützt stieg Karl den Überhang an. Mit der linken
Seite verklemmt, schob er sich langsam, ganz langsam vorwärts. Er wollte
schon aufgeben, da entdeckte er an der Rückenseite einen Gegenriß und
mit diesem zog er sich hoch. Der Sieg war unser. Freudig schallten die
Rufe vom kleinen Halber herüber, wo die Gefährten unserm Kampf zugesehen
hatten. Bald noch schwerer als das erste Mal war uns heute der Erfolg
gemacht worden. Glücklich drückten wir uns die arg zerschundenen Hände.
Mit den Problemen am Halben war’s nun vorüber. Als Wettersteinerweg
trugen wir unseren Anstieg in das kleine Gipfelbuch ein, den ersten weg
hatten wir Südwestweg genannt.
...