Die Erstbesteigung des Torwächters

 

 

ungekürzte Fassung                              

gekürzte Fassung

Herbert König in [19] über
   

1. Begehung des Südwest- und des Wettersteinerweges
am Großen Halben

von Herbert König

Ich blättere in meinem Tourenbuch und lasse vergangene Stunden an meinem Geiste vorüberziehen. Ist nicht die Erinnerung, die Nachfreude über gelungene schwere Kletterfahrten, der  reichste Gewinn unseres Tuns? Mein Auge bleibt an einer besonders langen Eintragung hängen. Ich lese: Großer Halben 1. Begehung des Südwestweges, Karl Ullrich und Herbert König geteilte Führung; eine Seite später wieder Großer Halben, diesmal 1. Begehung des Wettersteinerweges, Karl Ullrich, Rudolf Wintracken unter geteilter Führung. Wie war’s doch gleich gekommen, daß uns diese schönen Wege gelangen? Und wie ich so sinne, ist mir’s, als sei es erst gestern gewesen und nicht schon drei Jahre her. Ach so, ich wollte ja erzählen, wie wir Sieger wurden über die Südwand am Halben.
Der Frühling war wieder mit seinem Grünen und Blühen ins Land gezogen. Mit all dem neu erweckten Leben da draußen war auch über uns der alte Tatendrang und die Unternehmungslust gekommen. Nach langer Winterpause konnten wir endlich Seil und Kletterschuhe in den Rucksack packen, um zu frisch-froher Tat auszuziehen. Ich freute mich schon darauf, wieder einsame Gipfel unseres Felsengebirges zu erklimmen und stille, verborgene Wege zu gehen, ohne auf Schritt und Tritt den vielen lauten Leuten zu begegnen, denen man beim Schneeschulaufen im Erzgebirge kaum mehr entgehen kann. Solche entlegnen Türme und Pfade hofften wir im Brandgebiet zu finden und wir hatten uns darin auch nicht getäuscht. Mehrmals in kurzen Zwischenräumen haben wir dieses Gebiet aufgesucht. Den ersten Sonntag benutzten wir dazu, erst einmal unsere Halbenprobleme zu erkunden. Vom Hörensagen kannte ich zwar diesen Gipfel schon lange, namentlich seine Südwand, in der noch zwei lange, zum Teil überhängende Risse ihrer Ersteigung harren sollten. War das nicht genug, jeden Bergsteiger zu begeistern? Trotz vieler vorsichtiger Fragen konnte ich von früheren Besuchen nichts erfahren, nur Meister Strubich war einmal hier gewesen und hatte die Wand mit ihren Rissen durchforscht. Freudig überraschte mich der Anblick unseres Problems. Im Geiste hatte ich mir längst ein Bild von der Wand geformt und nun übertraf sie meine kühnsten Erwartungen. 40 m hoch schätzte ich den Absturz zum Begangsteig. Im linken Teile zieht ein Riss herab, der im obere Drittel der Wand beginnt, während der rechte, mittlere Riss vom Gipfel herunterzieht. Den linken wollten Karl und ich versuchen, während den mittelsten Freund Linus insgeheim sich erkor.
Endlich war’s wieder Sonnabend geworden und morgen hofften wir unsere Pläne in herrliche Wirklichkeit umzusetzen. Die Nagelschuhe klapperten über das Pflaster von Rathen. Nicht lange aber, und der Ort lag hinter uns; nachtsdunkler Wald nahm uns auf. Die zwei Gesellen die in so später Abendstunde nach der Waltersdorfer Mühle zogen, waren mein Freund Wintracken und ich. Zwei Klubkameraden waren schon nachmittags gefahren um einen Biwakplatz ausfindig zu machen und denselben etwas vorzurichten. Vor allem war es jetzt noch nötig Holz zu sammeln, schrieben wir doch erst April und die Nächte waren noch recht kalt. Als Treffpunkt hatten wir die Gautschgrotte bestimmt. Etwas fröstelnd ging’s hinab ins Polenztal. Der Mond blickte zeitweise durch die dunklen Wolken und erleuchtete fast tagehll unsaeren Weg. Die tiefe Stille der Nacht wurde nur unterbrochen  durch das Rauschen der Polen z oder durch einen Windstoß, der durch die Baumkronen brauste. Vor uns schimmerte ein Licht durch den Wald: die Waltersdorfer Mühle. Auf einer Brücke ging’s über die Polenz hinweg, den Schindergraben hinauf. Keuchend kamen wir bergan, die schweren Rucksäcke manchmal zu allen Teufeln wünschend. Aber auch das ging zu Ende, und aufatmend betraten wir den Begangsteig. Oberhalb lag die Burg Hohnstein, auch von dort bohrte sich eine einsamer Lichtschimmer in das dunkel der Nacht. Am Großen Halben, wo der Weg eine scharfe Biegung macht, traten zwei Gestalten auf uns zu. Karl Ullrich und Walter Hegewalt , unsere Klubkameraden, waren es. Vereint ging der schweigende Marsch weiter. Bald lag wieder die Mondhelle Landschaft vor uns. Den Pfad umsäumten niedrige Pflanzungen. Tief unten lag in weißem Schimmer das Polenztal. Nicht lange mehr und wir konnten den Rucksack abwerfen. Der Biwakplatz war erreicht. Unsere Gefährten hatten inzwischen Kiefernzweige und Farrenzweige als Unterlage gesammelt und viel trockenes Holz aufgeschichtet. Ich übernah, wie immer am liebsten, die letzte Feuerwache. Da wir nur vier man waren hatte jeder 1 1/2 Stunden Dienst. Bald lag alles - bis auf den Feuerwächter - in tiefem Schlaf. Nach raschem Frühstück begaben wir uns am anderen Morgen an unser Kletterziel, wo wir mit drei Klubkameraden zusammentrafen, die den Frühzug benutzt hatten. Wir packten den Felsen an. Der linke Riss sollte heute versucht werden. Also waren Karl Ullrich und ich an der Reihen. 8 m über dem Begangsteig zieht ein breites, überwölbtes Band durch die ganze Südwand, dort beginnen stark überhängen d die beiden Risse. Von mir unterstützt kam Karl gut in den Riß hinein und stieg auch flott vorwärts. Doch nach einigen Metern wurde die Sache ungemütlicher; glatt und überhängend drängte es ihn stark nach außen. Nach langem Zögern entschloß sich Karl hier einen Ring zu schlagen. Weit links in der Wand keilte er einen kleinen Ringhaken ins Gestein. Ich kam bis dorthin nach; das nun folgende Stück war eigentlich leichter als wir als wir erst gedacht hatten. Immerhin sind die Schwierigkeiten noch ziemlich groß und unser Ring war durchaus nicht überflüssig. Karl war jetzt kurz vor dem Ende des Risses. Noch ungefähr 2 m zog er eng und stark überhängend hinauf. Unmöglich zu durchsteigen. wir mußten versuchen nach links zu einem Kamine zu gelangen. Um eine Sicherungsmöglichkeit zu schaffen, wurde ein zweiter Ring geschlagen, was in dem außerordentlich harten Gestein eine sehr langwierige Arbeit war. Das Wetter hatte sich auch zu seinen Ungunsten verändert, der Tag hielt nicht, was der Morgen versprochen. Ein feiner Regen sprühte herab und erschwerte unsere Arbeit. Ein Vorsichtiger riet schon zum Aufgeben des Versuchs. Wir zwei wollten davon nichts wissen. Karl hatte nun seinen Ring verkeilt und holte mich nach. Vertrauenerweckend sah das kommende Stück nicht aus. Mein Gefährte murmelte sogar etwas von Abseilring. Ich war aber frohen Mutes, seilte mich ein uns gut gesichert schaute ich mir die Sache aus der Nähe an. Links schwach aufsteigend konnte ich ein Band mit guten Griffen erreichen. Nur sehr brüchig war auf einmal der Fels geworden. Noch 2 m und ich konnte den Kamin erreichen. Aber glatt schwarz und grifflos sah das Zwischenstück aus. Immerhin, versucht mußte es werden. Ganz langsam und vorsichtig stützte ich mich durch und konnte gerade einen Griff am Ende des Kamins erlangen. Bald war es geschafft. Der weitere Weg schien uns nun sicher zu sein. Nach einem kleinen Kaminstück folgte ein kurzer überhängender Riß. Dann querte ich in schöner mittelschwerer Wandkletterei abermals nach inks und erreichte die Westkante und über diese in wenigen Metern den Gipfel. Das Schlußstück ist sehr lohnend und nicht schwer. Jubelnd verklang mein Heilruf, den Kameraden unseren Erfolg verkündend. Sechs lange Stunden hatte uns der Weg zu schaffen gemacht. aber desto größer war jetzt unsere Freude, eine Stunde des Sieges genossen wir auf diesem einsamen schönen Gipfel. Inmitten all der Schönheit um uns hielten wir eine lange lange Gipfelrast.


Zwei Wochen waren seit dem verstrichen, wieder war unser Ziel der Große Halben mit seiner Südwand. Zu dritt fuhren wir bereits Sonnabend Abend nach Rathen. Diesmal schliefen wir im Raaber Kessel. Die Nacht war sehr kalt und stürmisch, einmal trug uns der wind sogar die Decke von den Füßen fort. Mit dem ersten Morgengrauen stieg ich mit Ullrich die Höllenhundspitze Südwand an. Schon früh 1/2 7 Uhr trugen wir freudig die 21. Begehung diesen prächtigen Weges Strubichs ins Gipfelbuch ein. Als wir kurze Zeit später in den Raaber Kessel hinab tollten war’s bereits mit der schönen Ruhe vorbei. Der Zug war angekommen und nun erwachte überall das Leben. So flüchteten wir über den Hockstein hinab ins Polenztal. Dann ging’s jenseits wieder aufwärts zum Halben. Wieder am Halben! Wird uns auch diesmal der Erfolg beschieden sei, oder werden wir abends geschlagen heimwärts wandern? Schon nach kurzer Zeit standen wir unter dem großen Überhang, mit dem auch dieser Riß beginnt. Keuchend arbeitete sich der Erste darüber hinweg. Der Überhang ist gar nicht allzu schwer, es gehört nur ein bißchen Schneid dazu. Nun folgten einige Meter gut gangbarer Riß, doch bald wurde es sehr eng und glatt. Unser Führer entschloß sich hier einen Ring zu schlagen und Karl nachzuholen. Bald wurde die sonntägliche Stille durch unsere Hammerschläge unterbrochen. Unterstützt ging nun der Führer weiter, bis ein großer Überhang den Riß unterbrach. Jetzt kam die Entscheidung. Einige Meter über diesem Überhang versperrte ein zweiter, noch größerer unseren Weg. Diese beiden Hindernisse sahen sehr bedenklich aus. Namentlich den Schlußüberhang war uns noch ein großes Fragezeichen. Abermals mußte ein Ring geschlagen werden. Wir stiegen alle beide zum Ring nach. Karl unterstützte während ich die Sicherung übernahm. Höchstens 8 m trennten uns noch von dem Gipfel, tief lag schon die Wand unter uns. Unser Führer steig an. Ein kräftiger Klimmzug, ein paar mal durchgezogen und aufatmend stand er unter dem letzten überhange. Bis hier her ging es ganz gut doch weiter hin sah der Fels doch zu abweisend aus, weit drängt er sich vor, als wollte er jeden Angriff vereiteln. Der Erste gab nach einem mißglückten Versuch die Führung auf. Unser erprobter Karl Ullrich ging nun voran, er wollte sein Heil versuchen. Auch ich erklärte mich zu guter letzt bereit einen Versuch zu machen. Von uns unterstützt stieg Karl den Überhang an. Mit der linken Seite verklemmt, schob er sich langsam, ganz langsam vorwärts. Er wollte schon aufgeben, da entdeckte er an der Rückenseite einen Gegenriß und mit diesem zog er sich hoch. Der Sieg war unser. Freudig schallten die Rufe vom kleinen Halber herüber, wo die Gefährten unserm Kampf zugesehen hatten. Bald noch schwerer als das erste Mal war uns heute der Erfolg gemacht worden. Glücklich drückten wir uns die arg zerschundenen Hände. Mit den Problemen am Halben war’s nun vorüber. Als Wettersteinerweg trugen wir unseren Anstieg in das kleine Gipfelbuch ein, den ersten weg hatten wir Südwestweg genannt. Lange, Lange verweilten wir auch diesmal auf dem Gipfel. - Lange Zeit ist darüber hingegangen. Aber manchmal, mitten im Getriebe der Großstadt, packt mich die Erinnerung an Kampf und Sieg. Und ich denke der Berge, die das Glück mir schenkten. 

     

 

 

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